Mein Pferd zieht zurück

... und wie wir dieses Problem für immer lösen können

„Was kann ich tun, wenn mein Pferd zurück zieht während es angebunden ist?“ Dies ist eine der häufigsten Fragen die mir gestellt werden und die Leute sind meistens verzweifelt auf der Suche nach einer Lösung für dieses große Problem. Viele Pferde, vor allem Junge und Sensible, haben dieses gefährliche und destruktive Verhalten, sobald sie angebunden sind.

Einige tun’s gleich von Anfang an sobald sie am Anbindebalken stehen, andere erst nach zwanzig Minuten, die Meisten ziehen jedoch nur zurück, wenn sie sich wegen einem Geräusch oder einer Bewegung erschrecken. Dies ist ein gefährliches Verhalten, bei dem sich sowohl das Pferd wie auch die Menschen verletzen können; die Pferde indem sie auf dem Boden ausrutschen oder sogar stürzen, und die Menschen indem sie unters Pferd geraten oder sich am Seil die Finger verletzen.

Viele Menschen suchen nach einer Lösung mit technischen Hilfsmitteln um dieses Problem zu umgehen. Zum Beispiel benützen sie zum anbinden ein starkes Gummiband, das sich ausdehnen kann, oder ein Führseil mit einem sogenannten „Panik-Haken“ oder eine feine Heuschnur, die sofort reißt, sobald das Pferd zurück ziehen sollte. Dies sind jedoch meiner Ansicht nach keine dauerhafte Lösungen und ich möchte hier eine Technik vorstellen, mit der ich schon vielen Pferden geholfen habe, die Angst vor dem Anbinden zu überwinden.


Wieso zieht es zurück?

Zuerst müssen wir uns die Frage stellen, wieso das Pferd überhaupt zurück zieht. Pferde sind von Natur aus Fluchttiere und haben eine große Sensibilität für gefährliche Orte, seltsame Dinge und vor allem für Raubtiere entwickelt. Ihr erster Instinkt ist die Flucht. Sobald sie sich gefangen fühlen und nicht mehr wegrennen können, kämpfen sie mit aller Kraft gegen den Druck, der sie gefangen hält und versuchen so, sich zu befreien, dies ist ihr natürlicher Überlebensinstinkt. Hier in diesem Fall ist es der Druck vom Halfter und Anbindestrick.

Was passiert bevor das Pferd zurück zieht? Ein erfahrenes Pferd bleibt normalerweise ruhig an seinem Anbindeplatz stehen; wenn es ein Geräusch hört oder eine seltsame Bewegung sieht, bewegt es einfach seine Füße, dreht sich etwas um, und schaut was da los ist. Diese Situation ändert sich jedoch drastisch, sobald wir ein Pferd haben, das zurück zieht; seine Sinne sind immer etwas auf Alarmstellung und sobald es etwas sieht oder hört, bewegt es seine Füße, fühlt jedoch, dass es nicht weggehen kann. In diesem Moment spürt es den Druck des Halfter in seinem Genick.

Um sich von diesem Druck zu befreien, wird es gegen drücken, dies ist ein natürlicher Instinkt der Pferde. Dadurch wird der Druck jedoch nur grösser und jetzt bekommt es Panik und bangt um sein Leben. Dieses Gefühl ist vergleichbar mit dem was ein Zebra erlebt, wenn es von einem Löwen angegriffen und gepackt wird. Pferde denken in diesen Momenten nicht, sie reagieren nur.

Keine Zeit zum denken oder zögern

Dies sind Reaktionen aus der rechten Gehirnhälfte, in der die Instinkte leben, von Natur aus zum Überleben programmiert. Fluchttiere haben eine extrem kurze Reaktionszeit, es gibt keine Zeit zum denken oder zögern, zuerst wird reagiert und dann gedacht; dies ist die einzige Möglichkeit, um Angriffe durch Raubtiere zu überleben.

Trotz tausenden von Jahren Zucht und Selektion durch uns Menschen, blieb dieser Überlebensinstinkt in den Pferden erhalten, in Einigen mehr, in Anderen weniger. Wie können wir nun unseren Pferden beibringen, nicht wie Fluchttiere zu reagieren, sondern sich wie Partner zu verhalten?

Mit den Konzepten der natürlichen Kommunikation im AsvaNara-Programm, können wir die Pferde lehren, ruhig und entspannt zu bleiben, mutiger zu werden, auch in schwierigen Situationen zu denken und zu überlegen, und nicht wie Fluchttiere panisch vor jeder vermeintlichen Gefahr wegzurennen.

Pferde können lernen, vermehrt ihre linke Gehirnhälfte, die kollaborative Seite,  zu benützen. Wenn wir anfangen, mit unserem Pferd auf natürliche Weise zu kommunizieren, wird es seine natürlichen Instinkte in konstruktive Verhaltensweisen umwandeln. Sein Bedarf an Sicherheit und Schutz, sein Instinkt immer achtsam zu sein, wird sich in Aufmerksamkeit uns gegenüber umwandeln. Seine Fluchtreaktion wird sich in einen guten Impuls und Freude an der Bewegung wandeln und sein Herdentrieb in Freundschaft zu uns.

Dies bedeutet nicht, dass es dadurch seine natürlichen Instinkte verliert, dies bestätigen die Pferde in unserer Herde; denn im Winter, wenn sie kaum Kontakt zu Menschen haben, ähneln sie eher einer Mustang-Herde als „wohlerzogenen“ Schulpferden der Akademie.


Die Vorbereitung

Um das Problem des „Zurückziehens“ zu lösen, fangen wir mit der Desensibilisierung des Pferdes an. Dazu benützen wir den Carrot Stick mit einer Plastiktüte am Ende; mit zuerst ruhigen und vorsichtigen Bewegungen, „streicheln“ wir das Pferd mit der Tüte, und bewegen dann den Stick mit runden und rhythmischen Bewegungen rund ums Pferd herum.

Dieses Konzept der Desensibilisierung ist sehr wirksam und effektiv, dabei sind jedoch zwei Dinge wichtig; Erstens, sollte die Bewegung rund und rhythmisch sein, sich annähern und entfernen, und dabei an Intensität immer mehr zunehmen. Zweitens, nicht aufhören wenn das Pferd Angst hat, sondern erst dann, wenn es sich daran gewöhnt hat und sich beruhigt.

Wir belohnen somit die kollaborative linke Gehirnhälfte. Wenn ich im falschen Moment aufhören würde, also wenn das Pferd sich bewegt und aufgeregt ist, bestärke ich seine instinktive, rechte Gehirnhälfte.

Wir wiederholen diese Übung ein paar Mal, bis das Pferd ruhig und gelassen stehen kann, auch wenn wir es dabei mit der Tüte berühren oder den Stick schütteln und dabei starke Geräusche machen. Nimm dir die Zeit die es braucht, es ist eine gute Investition, und das Pferd wird auch in anderen Situationen mutiger sein.

Das Genick ist eine sehr sensible Zone fürs Pferd, es ist der Punkt wo der Löwe zupackt wenn es das Zebra reißt, und es ist der selbe Punkt, an dem auch das Halfter den Druck ausübt. Das Pferd muss lernen, auf diesen Druck zu antworten und dem Gefühl des Halfters, das hinter den Ohren im Genick liegt, zu folgen, statt dagegen zu drücken, wie es sein Instinkt wäre.

Es soll diesem Gefühl folgen und nicht dagegen halten

Wir können genau das dem Pferd beibringen, indem wir am Seil nach unten ziehen; zuerst mit einem leichten und stetigen Druck, das Pferd sollte diesem Gefühl folgen und nicht dagegen halten. Damit es lernt den Komfort zu finden, fangen wir mit einem leicht Druck an, die Hand schließt sich langsam Finger für Finger, dabei wird der Druck immer stärker, bis das Pferd nachgibt und seinen Kopf senkt, am Anfang auch nur ein paar Millimeter.

In diesem Moment ist es wichtig unsere Hand sofort zu öffnen und den Druck wegzunehmen, dies ist schwierig für die meisten Menschen, denn Raubtierpranken schließen sich schnell und öffnen sich erst, wenn die Beute tot ist.

Sobald das Pferd den Kopf senkt, lassen wir sofort los und beginnen dann mit wenig Druck von vorne. Wir wiederholen diese Übung, bis das Pferd rasch und mit Leichtigkeit dem Druck nachkommt. Danach machen wir die selbe Bewegung, den Kopf des Pferdes zum Boden senken, aber diesmal mit einem Fingerdruck hinter den Ohren.

Auch hier lassen wir sofort los, sobald das Pferd richtig geantwortet hat und den Kopf senkt. Diese Übungen dauern vielleicht ein paar Minuten, eine halbe Stunde oder sogar einige Wiederholungen an verschiedenen Tagen, aber es lohnt sich, diese Zeit zu investieren. Denn so lernt das Pferd, dem Druck nachzukommen und Komfort zu finden, anstatt sich dagegen zulehnen und zurückzuziehen.


Wir binden das Pferd an

Mit diesen Vorbereitungen wird das Pferd bereits anders auf Druck, Bewegungen und Geräusche reagieren. Es ist für den nächsten Schritt bereit und wir werden es jetzt bitten, in dieser Art auf Druck zu reagieren und sich wie ein Partner zu verhalten, auch wenn es angebunden ist.

Zu allererst müssen wir den richtigen Ort zum Anbinden finden, zum Beispiel einen soliden Anbindebalken. Was wir auf jeden Fall verhindern wollen ist, dass das Pferd im Schreck mit dem Ding an dem es angebunden war, wegrennt und dabei sich und uns in echte Gefahr bringt.

Am besten eignet sich ein solider Anbindebalken aus Holz oder besser noch aus Metall, ideal wenn die Querstange rund ist. Dies wird uns helfen dem Pferd beizubringen, ohne Probleme angebunden zu sein. Was für diese Übung nicht funktioniert, sind Anbindeösen an der Mauer.

Ich wickle jetzt das 7 Meter Seil zweimal um die Anbindestange und stelle mich auf die gegenüberliegende Seite vom Pferd. In diesem Moment ist es wichtig, das Pferd nicht mit einem Knoten festzubinden, sondern das Seil nur um die Stange zu wickeln, so dass es durchrutschen kann, sobald das Pferd zurück ziehen wird.

Dann beginne ich den Carrot Stick mit der Plastiktüte heftig vor dem Pferd auf und ab zu schwenken. Ich imitiere somit ein Geräusch und eine Bewegung, die das Pferd erschrecken werden und da es „angebunden“ ist, wird es sehr wahrscheinlich zurück ziehen.

Timing ist wichtig

In diesem Moment ist unser Timing außerordentlich wichtig; das Konzept ist, nicht mit dem Tüten schütteln aufzuhören, solange da Pferd nach hinten zieht, jedoch sofort aufzuhören und das Pferd belohnen, sobald es aufhört zu ziehen und einen Schritt nach vorne macht.

Das heißt, das Pferd mit Komfort zu belohnen sobald es die richtige Entscheidung gemacht hat, nämlich dem Druck nachzukommen statt dagegen anzukämpfen. Das Pferd lernt dabei, dass die vermeintliche „Gefahr“ nicht weggeht solange es am Halfter zieht, sondern erst wenn es nachdenkt und sich wie ein Partner verhaltet, nicht wie ein Fluchttier.

Das Geheimnis hierbei ist, das lange Seil etwas der Stange schleifen zu lassen wenn das Pferd nach hinten zieht. Es spürt zwar immer noch den Druck des Halfters im Genick, kann sich aber trotzdem etwas von der Gefahr entfernen.

So befindet es sich nicht in einer „schwimm oder ertrink“ Situation und verliert sich nicht total in seiner rechten Gehirnhälfte, weil es ums Überleben kämpfen muss, sondern es kann doch noch nachdenken und die richtige Lösung für dieses Problem finden; nämlich dem Druck zu folgen und einen Schritt nach vorne zu machen.

Es braucht Zeit und Geduld

Auch diese Übung wiederholen wir ein paar Mal, eventuell auch über ein paar Tage verteilt, bis wir schlussendlich eine positive Antwort vom Pferd erhalten. Auf diese Weise, auch wenn es sich in Zukunft wegen einem Geräusch oder einer Bewegung erschrecken sollte, wird es nicht mehr zurück ziehen wenn es den Druck des Halfter im Genick spürt, sondern es wird einen Schritt nach vorne machen um dem Druck nachzugeben.

Das Problem des Zurückziehens kann je nach Pferd unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Manchmal reagieren Pferde sehr instinktiv mit viel Kraft und Gewalt. Deshalb ist es sehr wichtig, bei dieser Arbeit sehr präsent, aufmerksam und vorsichtig zu sein. Sollten wir Zweifel haben oder unsicher sein ob wir es richtig machen, ist es ratsam, einen erfahrenen Profi für diese Art von Arbeit herbei zuziehen.

Das Zurückziehen wie auch andere, ähnliche Verhaltensprobleme, lassen sich meistens recht einfach lösen, sobald wir anfangen, mit dem Pferd eine Beziehung herzustellen, ihm lehren seine linke Gehirnhälfte zu benützen und sobald wir ein guter Alfa-Leader für unser Pferd werden.

Viele Pferde, vor allem Junge und Sensible, ziehen zurück wenn sie angebunden sind, ein gefährliches und destruktives Verhalten

Schau Dir alle Fotos der Reihe nach an ...


Beginnen wir mit desensibilisieren

Als Erstes wollen wir das Pferd desensibilisieren. Dazu nehmen wir einen Carrot Stick mit einem Plastiksack am Ende und bewegen ihn rhythmisch um den ganzen Körper des Pferdes herum, inklusive dem Kopf. Zuerst langsam und vorsichtig, danach heftiger, bis das Pferd dabei ruhig stehen bleiben kann.



Dem Druck des Halfter folgen

Jetzt fragen wir das Pferd, seinen Kopf zu senken, indem wir am Seil nach unten ziehen. Dies übt einen Druck am Halfter im Genick aus. Wir beginnen mit einem leichten, konstanten Druck der ansteigt, bis das Pferd den Kopf senkt. Wir schließen die Hand langsam und öffnen sie schnell, sobald das Pferd nachgibt.


… danach dem Druck der Finger

Wir wiederholen die selbe Übung wie vorher, aber diesmal üben wir den Druck mit den Fingerspitzen aus, wieder hinter den Ohren, am Genick wo das Halfter liegt. Wir brauchen dazu einen langsamen, stetigen Druck der in seiner Intensität ansteigt, bis das Pferd den Kopf senkt.


Es fühlt sich in der Falle

Wenn ein Pferd angebunden ist, kann es leicht passieren, dass es meint es sitze in der Falle. Sein erster Instinkt in diesem Moment ist zu flüchten … am Anfang wickeln wir das Seil zweimal um die Stange und stellen uns auf die gegenüberliegende Seite des Anbindebalken.

das Pferd ist nicht mit einem Knoten festgebunden
ich befinde mich auf der gegenüberliegenden Seite
ich bewege die Plastiktüte, dabei erschrickt das Pferd und fängt an zurück zu ziehen
weiterhin bewege ich die Tüte, auch wenn das Pferd zurück zieht, höre ich nicht auf
sobald das Pferd einen Schritt nach vorne macht, stoppe ich die Bewegung mit der Plastiktüte
das Pferd hat’s verstanden, seine Muskeln sind entspannt und es zieht nicht mehr zurück

es ist ganz einfach … wenn Du es auf natürliche Weise angehst

Ich hoffe, dass Dir dieser Artikel gefallen hat und Du viele nützliche Hinweise und Tipps darin gefunden hast. Falls Du noch eine Frage zu diesem Thema hast, schreibe mir bitte direkt eine E-Mail an edwin@asvanara.com und ich werde Dir im Forum darauf antworten.

Ich wünsche Dir viel Erfolg, Spaß und Freude mit Deinem Pferd … und denk daran, es hat noch nie länger als zwei Tage gedauert.

Mit lieben Grüßen, Edwin                                           ⇒ zu den AsvaNara Kursen